Bericht vom 25.4.2008 |
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Schule oder Elternhaus – Wer ist Schuld am DDR-Bild deutscher Schüler?
War die DDR sozialer, gerechter, besser als die Bundesrepublik Deutschland? War die DDR-Führung demokratisch legitimiert,
die DDR eine Demokratie oder eine Diktatur? War der MfS genau wie andere Geheimdienste und die Arbeitsplatzgarantie ein
hohes Gut in der DDR? Oder war Konrad Adenauer ein Politiker aus dem Westen oder aus dem Osten?
Diese und andere Fragen stellte Prof. Dr. Klaus Schröder 5.500 16 – 17jährigen Schülerinnen und Schülern verschiedener
Schularten u. a. in Bayern, Brandenburg, NRW, West- und Ost-Berlin. Prof. Schröder, der in Norddeutschland an der
innerdeutschen Grenze aufgewachsene, später nach Berlin gegangene („nicht wegen der Bundeswehr“) Soziologe, Ökonom und
Politikwissenschaftler, der heute an der Freien Universität Berlin lehrende Hochschullehrer wollte wissen, ob die jungen
Leute bald 20 Jahre nach dem Mauerfall im Geschichtsbild zusammengewachsen sind.
Über die Ergebnisse seiner Untersuchung berichtete Prof. Schröder auf der Jahreshauptversammlung der Berliner Sektion des
Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands Ende April 2008 im Schiller-Gymnasium in Berlin-Charlottenburg vor etwa 50
interessierten Lehrern und Schülern. Vor allem die anwesenden Schülerinnen und Schüler, die nicht an der Untersuchung
beteiligt waren, aber im Unterricht den Fragebogen von Prof. Schröder ausgefüllt und ausgewertet hatten, kamen über ihre
Ergebnisse schnell mit dem Referenten ins Gespräch. Dieser gab zu, dass es schwierig war, einen Fragebogen zu entwickeln,
bei dem die Interviewten das gleiche begriffliche Verständnis haben sollten wie die Fragesteller.
Die Ergebnisse der Untersuchung waren für den Forscher überraschender als für viele der anwesenden Praktiker. Je mehr die
Fragen am Alltag der Schülerinnen und Schüler von heute orientiert waren, umso besser waren die Ergebnisse für die
Bundesrepublik Deutschland. Je alltagsferner die Fragen waren, umso günstiger die Ergebnisse für die DDR. Von den 28
gestellten Fragen schnitt im Westen die Bundesrepublik 24 Mal besser ab, die DDR nur viermal. Bei den Befragten in den
neuen Bundesländern war das Verhältnis 14 zu 14.
Zwei Beispiele sollen das belegen: Nur 6,5 % der bayerischen Jugendlichen halten die Schulausbildung in der DDR für besser.
In Brandenburg dagegen sind 43,1 % dieser Auffassung. Bei der den Schülerinnen und Schüler weniger nahe stehenden Sozial-
oder Wirtschaftspolitik erfreut sich die DDR breiter Zustimmung in beiden Teilen Deutschlands.
Nun mag die große Zustimmung bei der DDR-Arbeitsplatzgarantie aus aktueller Sicht verständlich sein, sie macht aber auch
deutlich – so Prof. Schröder -, dass es im Zuge der Einigung versäumt worden ist, gesamtdeutsche Reformen zu verfolgen und
nicht im Glauben an den Sieg des Systems alles einfach nur zu übertragen. Schröder sieht 15 Jahre Stagnation und eine
Tendenz zur „Verostung“.
Ist die DDR-Führung durch demokratische Wahlen legitimiert worden? Nein sagen 58 % der bayerischen Schülerinnen und
Schüler, nein sagen aber nur noch 38,8 % der ostberliner Jugendlichen. Ähnlich sieht es bei der Einschätzung des
Ministeriums für Staatssicherheit, dem Unterdrückungsapparat der DDR aus. Während nur 19 % der Befragten in Bayern ihn für
einen „normalen“ Geheimdienst halten, teilen diese Auffassung jedoch 38 % der Schülerinnen und Schüler aus den neuen
Bundesländern. Den 66 % der westdeutschen Jugendlichen, die die DDR für eine Diktatur halten stehen 48 % in den
ostdeutschen Ländern gegenüber.
Auch wenn in einer Gesamteinschätzung 80 % der westdeutschen Schülerinnen und Schülern die DDR negativ sehen, bleibt für
Prof. Schröder die Frage, was eigentlich in den Schulen gelehrt wird, dass es zu diesen Ergebnissen kommt? Zuerst einmal
wird kritisiert, dass die DDR zu wenig im Unterricht thematisiert wird. 49 % der Bayern, 80 % der Nordrheinwestfalen und
68 % der Berliner Befragten finden, dass die DDR überhaupt nicht oder nur unzureichend behandelt werde. Aber was kann die
Schule leisten? Woran werden die Systeme gemessen? Welche Instanzen haben größeren Einfluss auf die Jugendlichen – die
Schule oder das Elternhaus? Im Westen wird über die DDR eher in der Schule weniger im Elternhaus, im Osten eher im
Elternhaus gesprochen, und es werden Geschichtsbilder vermittelt. Was ist von den Kolleginnen und Kollegen in den neuen
Bundesländern zu erwarten, die bereits zu DDR-Zeiten unterrichtet haben? Welche Ängste bestehen noch, wenn an Berliner
Universitäten aus- und fortgebildete Sozialkundelehrer in Brandenburg nicht im Unterricht eingesetzt werden und die „alten“
Lehrerinnen und Lehrer weiter unterrichten dürfen? Welchen Einfluss haben die in den 70er und 80er Jahren in der
Bundesrepublik Deutschland ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrer, die einen „ausgewo-genen“ Systemvergleich, vielleicht
ein verklärtes DDR-Bild unterrichtet haben?
Eines kann Prof. Schröder allerdings bestätigen, wenn auch die Qualität seiner Kenntnisfragen durchaus von den Anwesenden
kritisch bewertet („nicht schulrelevant“) worden sind: Schülerinnen und Schüler mit mehr Wissen zeichnen eher ein negatives
DDR-Bild als die, die wenig Wissen haben. Sein Fazit: Das Geschichtsbild der Jugendlichen ist noch nicht zusammengewachsen.
Die Schule sowie die Einrichtungen der politischen Bildung sollten sich mehr mit der deutschen Teilungsgeschichte
beschäftigen. Die bevorstehenden Jahrestage der Gründung der Bundesrepublik Deutschland (1949 – 2009) und der zwanzigste
Jahrestag des Mauerfalls bieten dazu genügend Anlass.
In der sich anschließenden Diskussion wurde dieser Gedanke aufgegriffen und erweitert auf die Geschichtskultur im gesamten
öffentlichen Raum. Kritisches Geschichtsbewusstsein kann auch durch das reflektierte Betrachten von Museen oder auch Filmen
geschult und entwickelt werden. Fortbildungen sollten intensiviert werden, aber vor allem bedarf es politischer Signale,
wie die DDR im Unterricht zu behandeln ist. Stand zum Ende der Diskussion doch wieder die Schule im Mittelpunkt, so blieben
die Fragen nach dem Einfluss der Elternhäuser, ebenso wie die Fragen nach dem Umgang mit Kolleginnen und Kollegen im
Ostteil, die weiterhin ihren heimlichen Lehrplan haben, die Vermittlung der DDR „wichtigeren Themen“ opfern oder den
„antifaschistischen Schutzwall“ für einen inhaltlich zu akzeptierenden Begriff für die Berliner Mauer halten, bei den
nachdenklichen Zuhörern zurück.
Andreas Stephan
Geschichtslehrerverband-Berlin
© M. Schmitz
Letzte Änderung am: 16.2.2009